Monatsarchiv für Juni 2011

Mein V├Ątternrunden-Tagebuch: Geschafft!

Geschrieben von bikeblogger am 25. Juni 2011 | Abgelegt unter Jedermann-Rennen

Um es vorwegzunehmen: Die V├Ątternrunde war ein Erlebnis, an das ich noch lange gerne zur├╝ckdenken werde.

Motala

Nach einer etwas missgl├╝ckten Anreise (wir hatten die Karte vergessen) erreichten wir Motala etwas sp├Ąter als geplant. Dadurch konnten wir Georg, Erik und Christoph leider nicht mehr treffen. Sie waren bereits auf dem Weg zur├╝ck zu ihrem Hotel in ├ľdesh├Âg.

Uns erwartete eine entspannte Stadt, die sich vollst├Ąndig auf den Radsport eingestellt hatte. In vielen Schaufenstern sah man Fahrr├Ąder oder Dekorationen, die auf das Radfahren Bezug nahmen. ├ťberall wiesen Schilder auf die Veranstaltung hin, Parkpl├Ątze waren f├╝r die Besucher ausgewiesen, die zu Zehntausenden erwartet wurden. Die Stimmung im Start- und Zielbereich war noch entspannt, bis zum Start sollten noch einige Stunden vergehen. Zeit genug f├╝r uns, die Akkreditierung vorzunehmen, etwas Essen zu gehen und das Areal zu erkunden. Wie zu erwarten setzte dann der Regen ein.

Schlaf und Vorbereitung

Gegen 18 Uhr war es f├╝r mich an der Zeit, ins Bett zu gehen. Allerdings darf man das Wort “Bett” nicht zu w├Ârtlich nehmen.

Kuscheln mit dem Bike

 

Nach knapp drei Stunden erholsamer Ruhe wurde ich von Britta, der Sonne und zwei spielenden Kindern geweckt. Britta und die Sonne h├Ątten mir ja gereicht. Jetzt galt es, mich f├╝r den gro├čen Moment vorzubereiten. Ein letzter Blick auf den Wetterbericht: perfekt, es war wie angek├╝ndigt kein Regen mehr zu erwarten. Es sollte aber kalt werden, das hatte ich einkalkuliert. Also “lang/lang”: warme Jacke und lange Hosen, Neopren├╝berschuhe und Fingerhandschuhe. F├╝r den kommenden Morgen und die steigenden Temperaturen hatte ich vorgesorgt: ├╝berfl├╝ssige Kleidung sollte man an den Depots unterwegs abgeben k├Ânnen.

Start

Rechtzeitig vor dem Startsignal standen wir im Startbereich. 300 km lagen vor mir. Anders als bei anderen Veranstaltungen war ich recht entspannt. Bis zu dem Moment, an dem Britta mich nach meinem Transponder (der Chip, den man f├╝r die Zeitmessung am K├Ârper tr├Ągt) fragte. Ein Griff in die Jackentasche: nicht da. Verd….t! Zur├╝ck zum Auto – mit dem Rennrad war das ja kein Problem. Dort lag er auch nicht. Aber nat├╝rlich fand er sich in der anderen Jackentasche an. Sprint zur├╝ck zum Start (macht man den nicht erst im Ziel?). 2 Minuten vor dem Signal!

Kurze Orientierung: an wen konnte ich mich halten? Ich kannte nat├╝rlich Niemanden. 22:42 Uhr: das Signal. 60 Radfahrer setzten sich in Bewegung. Direkt neben mir einer der “Veteranen”: Tommy Edvinsson, er nahm jetzt schon zum 30ten mal teil! Von Motorr├Ądern eskortiert ging es durch die Menge applaudierender Zuschauer.

Dann war die Strecke frei: das Rennen konnte beginnen.

Startnr 5817

 

On the Road again

Schnell wurde klar, dass die Mehrzahl der Teilnehmer das Motto der Veranstaltung ernst nahm:

“Die┬áV├äTTERNRUNDAN ist die gr├Â├čte Amateurfahrradtour der Welt.”
[via]

Folglich bewegten wir uns mit max. 25 km/h aus der Stadt heraus. F├╝r meinen Geschmack┬á zu langsam, so dass ich mich dazu entschloss, das Tempo zu forcieren. Bald hatte ich einige “Verfolger”, so dass ich nach einigen Kilometern die F├╝hrungsarbeit abgeben konnte. Die Gruppe, die sich durch meinen Vorsto├č gebildet hatte, bestand vorwiegend aus einem schwedischen Radsportclub und einigen einzelnen Fahrern. Leider war der Radsportclub kein eingespieltes Team: weder wurden Handzeichen gegeben noch gab es eine einheitliche Geschwindigkeit. Nach und nach “verloren” wir dann auch die langsameren Fahrer, allerdings gesellten sich uns einige weitere Fahrer hinzu. Dennoch blieb die Gruppe inhomogen. Es lief nicht rund, unsere Reisegeschwindigkeit wechselte weiterhin je nach f├╝hrendem Fahrer. Irgendwoher kamen zwei Ungarn, von denen sich nur einer an der F├╝hrungsarbeit beteiligte. Sein Kompagnon entschuldigte sich sp├Ąter bei mir, dass das Tempo f├╝r ihn eigentlich zu hoch sei.

Inzwischen war aus der D├Ąmmerung, in der wir gestartet waren, Nacht geworden. Ein endloses Band roter Fahrradr├╝cklichter lag vor uns. Das erste “Dep├ąt” hatten wir ausgelassen, das zweite nach 80 km steuerten wir jedoch um 1 Uhr morgens an. Es gab Bananen, “sportdryck”, “bl├ąb├Ąrsoppa”, Wasser, etwas ges├╝├čte Br├Âtchen (“bulle”) und saure Gurken! Eine interessante Kombination, die ich nicht g├Ąnzlich auskosten wollte.

Am Ende der Rast konnte ich leider nur noch die beiden Ungarn ausfindig machen, so dass wir uns als Dreiergruppe auf den weiteren Weg machten. Da nur zwei von uns f├╝hrten war dies leider weniger effizient. 220 km. Bald dann die erste Panne: bei einem der Ungarn sprang die Kette an einem H├╝gel ab. Da er dies nicht gleich in den Griff bekam, schickten mich die beiden allein weiter. Ungl├╝cklicherweise hatte ich zuvor meine Lampe verstellt, um ihm Licht f├╝r die Reparatur zu geben – kurz darauf verabschiedete sie sich mit einem Wackelkontakt. Die Not-Reparatur gelang – mithilfe zweier Kabelbinder. Zumindest hatte ich dadurch Licht bis zum Morgengrauen. Genug, um weiterfahren zu k├Ânnen. Als die Lampe gegen 3:30 Uhr dann endg├╝ltig ausging, war es schon hell genug, um auch ohne Scheinwerfer fahren zu k├Ânnen. Die Fahrt in die Morgend├Ąmmerung und den Sonnenaufgang hinein erzeugte ein unbeschreibliches Gef├╝hl in mir. Die K├Ąlte der Nacht lie├č langsam nach.

Wie ich es schon vom Velothon kannte: ich ├╝berholte viele Mitfahrer, wurde selber aber nicht eingeholt. Keine Chance also, sich einer schnellen Gruppe anzuschlie├čen. Inzwischen war ich einige Zeit lang allein unterwegs gewesen, bis ich eine Gruppe einholte, die ein einigerma├čen ordentliches Tempo fuhr. Um nicht st├Ąndig allein fahren zu m├╝ssen schloss ich mich diesen Fahrern an. Wie sich sp├Ąter herausstellte eine schwedische Trainingsgruppe. Leider zeigte sich auch hier, dass viele Freizeitfahrer unterwegs waren: die Gruppe fuhr nur schnell, wenn bestimmte Gruppenmitglieder, mich eingeschlossen, die F├╝hrung ├╝bernahmen. Dennoch blieb ich dabei. Nach der Rast bei km 177 in Hjo kurz vor 5 Uhr morgens, wo es das “Mittagessen” gab (Lasagne, Cornflakes etc.), fuhr ich gemeinsam mit meinen schwedischen Mitstreitern los. 123 km noch. Ob es am reichhaltigen Essen lag oder an der M├╝digkeit meiner Mitfahrer kann ich nicht sagen, auf jeden Fall kamen wir nach dieser Pause in den ersten Minuten nicht ├╝ber 28 km/h hinaus. Als wir von einer schnelleren Gruppe ├╝berholt wurden, war f├╝r mich die Episode mit “meinen” Schweden vorbei. Mit der schnelleren Gruppe ging es in den Morgen hinaus. W├Ąhrenddessen gingen Georg, Erik und Christoph an den Start (Georgs Bericht kann man nat├╝rlich in seinem Blog nachlesen).

Nach einiger Zeit konnte ich heraush├Âren, dass ein Teil dieser Gruppe Deutsche waren. Obwohl auch diese Gruppe nicht wirklich gut harmonierte, blieb ich mit dem harten Kern von ihnen (drei Fahrer) kurz vor dem Ziel zusammen.

Im Ziel

Die letzten 40 km lagen vor uns. Wie ich von der Herfahrt und aus Berichten vergangener V├Ątternrunden wusste, das anstrengendste Teilst├╝ck, da hier viele Anstiege zu bew├Ąltigen waren – mit 260 km in den Beinen. Entsprechend respektvoll begannen wir diese Etappe. ├ťberschuhe, Handschuhe und Jacke hatte ich abgegeben. Es war fast schon warm.

Wir verabredeten, ruhig zu fahren. Ganz schafften wir es nat├╝rlich nicht. Die H├╝gel auf dem Weg nach Motala schmerzten dann auch tats├Ąchlich.

Noch ca. 15 km. Wir fuhren weiterhin an anderen Gruppen und Fahrern vorbei, ohne dass uns schnellere Gruppen einholten. Als wir eine gro├če Gruppe erreichten, h├Ârte ich einen meiner deutschen Mitfahrer sagen “eigentlich k├Ânnen wir hier auch mitrollen”. Das war aber nicht mein Ziel. Ich wollte meinen Schnitt halten, der bedenklich in Richtung 30 km/h (Pausen nicht mitgerechnet) zusammengeschmolzen war. Nach den ersten 80 km hatte ich schlie├člich fast 33 km/h auf dem Tacho.

Also wieder ein Abschied ohne Worte – ich behielt einfach das Tempo bei und legte sp├Ąter noch etwas zu. Kurz vor Motala wurde ich dann doch noch von einer Gruppe eingeholt. Ideal, um meinen Schnitt zu halten. Mit 35 – 40 km/h ging es in Richtung Ziel. Einer aus der Gruppe fuhr uns davon, die anderen drosselten ihr Tempo. Also kein “Fotofinish”. Schade. Ich folgte dem Vorausfahrenden, nahm die letzte Kurve fast zu schnell, so dass ich mit fast 50 km/h auf das Ziel zusteuerte. Ein unglaubliches Gef├╝hl! Im Ziel nur noch die Arme hochrei├čen – ich hatte MEINE V├Ątternrundan geschafft!

Geschafft! (nicht zu lesen: Schriftzug "Ich spende Leben - www.wir-spenden-leben.de")

 

Mein Fazit?

- 3.000 km Vorbereitung hatten sich gelohnt.
- Das neue Bike tat, was es sollte.
- Der Carbon-Testsattel von A:xus erwies sich als Gl├╝cksgriff. Auf den ersten Testkilometern in Schweden war ich noch unsicher, ob ich es mit dem neuen Sattel wagen sollte. Ich tat es, und war sehr zufrieden. Die ├╝blichen Sitzbeschwerden blieben aus. Der einzige Wermutstropfen: die etwas harte Sattelkante dr├╝ckte am Ende der 300 km an meinen doch eher breiten Oberschenkeln. Dies wirkte sich aber nur negativ aus, wenn ich hinten auf dem Sattel sa├č. Da ich in der Regel etwas nach vorne rutsche, war dies zu vernachl├Ąssigen.
- Die Kleidung hatte ich richtig ausgew├Ąhlt, warm genug f├╝r die K├Ąlte der Nacht und mit der M├Âglichkeit, diese teilweise abzulegen um im warmen Morgen ins Ziel zu fahren.
- Verpflegung: ich hatte zu viel mitgenommen. Eigene Verpflegung ist eigentlich nur zwischendurch n├Âtig – ein paar Energiesnacks h├Ątten v├Âllig ausgereicht. Auch reichen zwei Getr├Ąnkeflaschen. Mehr ist nur n├Âtig, wenn man auf einige der zahlreichen Stopps verzichten m├Âchte. Die Verpflegung vom Veranstalter ist insgesamt vielf├Ąltig und ausreichend, wenn ich auch wegen ├╝berschw├Ąnglicher Berichte ├╝ber vergangene Runden (geschmacklich) mehr erwartet hatte.
- Die Veranstaltung ist rundum professionell. Wenn tats├Ąchlich 2012 die V├Ątternrunde ohne Autoverkehr durchgef├╝hrt werden kann w├Ąre dies das noch fehlende i-T├╝pfelchen!

Wirklich geschafft!

 

Vielen Dank an Britta f├╝r das hervorragende Coaching, das Erinnern an den Transponder und die tollen Fotos!

Wird es eine Fortsetzung geben? Wir werden sehen …

Der Originalartikel ist unter diesem Link nachzulesen.

Alle Bilder: ┬ę Britta M├╝nster / BikeBloggerBerlin

BikeBlogBerlin

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